Montag, 10. September: Auf der Treppe
zu meinem Klassenraum werde ich von einem Jahrganskameraden mit einem
„Du warst auch schon schneller unterwegs“ aufgezogen. Als
ich entgegne, ich habe am Wochenende am 24h-Lauf in Dudenhofen teilgenommen
und dementsprechend fühlen sich auch meine Beine an, bekomme ich
erst einmal einen Blick irgendwo zwischen fragend und „Der spinnt
doch total“ zurück, worauf ich erst einmal erklären
muss, was dieser Lauf überhaupt ist:
Der 24h-Lauf in Dudenhofen ist die
größte Benefizveranstaltung im Rhein-Main-Gebiet und wurde
vom Verein „Gemeinsam mit Behinderten“ 2001 zum 21 Mal veranstaltet.
50 teilnehmende Mannschaften à zehn Läufer versuchen von
Samstag 12 Uhr bis Sonntag 12 Uhr so viele 400m-Runden wie möglich
zu laufen. Durch Spenden auf bestimmte Mannschaften („Pro gelaufene
Runde der Mannschaft Nummer 35 spendet Heinz Müller 10 Pfennige“)
oder Großspenden für ein erreichtes Ziel („Wenn bis
15Uhr 30.000DM erreicht sind, legt die Sparkasse noch einmal 5000DM
drauf“) kommen am Ende jedes Jahr um die 300.000DM zusammen.
Für uns Läufer bedeutet das 24h-Lauf-Wochenende eine Nacht
mit nahezu keinem Schlaf, über 90 zurückgelegte Runden pro
Läufer, übersäuerte und hoffnungslos schwere Beine schon
nach wenigen Stunden, Muskelkater noch eine Woche später sowie
Laufen bei Regen, Wind und Kälte, aber auch eine einzigartige Stimmung,
eine großartige Unterstützung von Betreuern und Zuschauern,
das Wissen, sich für eine gute Sache zu quälen und eine unendlich
große Erlösung, wenn es am Samstag Mittag (endlich) vorbei
ist. Trotzdem muss man schon ein Stück verrückt sein, um diese
Strapazen auf sich zu nehmen.
Aber eigentlich fängt die Geschichte
der elften Teilnahme der Evangelischen Jugend Ober-Roden an diesem Laufereignis
viel früher an als an diesem Montag.
Irgendwann um die drei Wochen vor dem Lauf erfuhren wir durch einen
komischen Zufall, dass wir gar nicht angemeldet sind. Fortan bangten
wir um unsere Teilnahme, da wir doch unbedingt wieder dabei sein wollten,
und setzten die Veranstalter des Laufes unter Dauer-Telefonstress. Den
Mittwoch davor erhielten wir dann endlich die ersehnte Nachricht: Wir
können laufen. Jemand anderes ist abgesprungen und wir dürfen
stattdessen teilnehmen. Als Reaktion darauf trieben wir erst einmal
einen zehnten Läufer auf.
Noch etwas skeptisch, auf was wir
uns da eigentlich alle beisammen eingelassen haben und aufgrund des
schlechten Wetters (, welches sich aber besserte und der Regen entgegen
allen Prognosen ausblieb), aber topfit und hochmotiviert startete unsere
Mannschaft Samstag Mittag vollzählig in den 21. 24h-Lauf.
Nachdem wir kurz nach 13Uhr die erste Zwischenwertung bekamen, waren
wir zuerst selbst überrascht: 2.Platz – so gut waren wir
noch nie. Fortan war jegliche Skepsis verflogen und die Motivation war
nicht mehr zu steigern. Unsere Besucher und Unterstützer honorierten
unsere Platzierung meist nur mit einem staunenden Blick oder einer Warnung
nicht zu früh zu schnell zu laufen. Wir aber waren wild entschlossen,
den zweiten Rang mit allen Kräften zu verteidigen. Wir führten
ein neues Lauf- und Wechselsystem ein, welches zwar von den Läufern
mehr abverlangte, dafür aber auch schnellere Rundenzeiten (und
damit insgesamt auch mehr Runden) ermöglichte.
Ab zirka 3Uhr nachts, bis dahin hatten wir unseren zweiten Platz erfolgreich
verteidigen können, lieferten wir uns eine harte Auseinandersetzung
mit Team Nummer 21, dem Lauftreff Jügesheim, der bis dahin gefährlich
nahe gekommen war. Über mehrere Stunden veranstalteten wir regelrechte
Laufduelle, die Abstände wurden nach jedem Läuferwechsel neu
abgemessen und die Rundenzahlen andauernd ausgerechnet. Mitten in der
Nacht , der härtesten Zeit, liefen wir auf einmal 1:15er Runden,
nur um nicht auf Rang drei abzurutschen. Wie gesagt, ein bisschen verrückt
waren wir alle. In den frühen Morgenstunden mussten wir uns aber
trotzdem geschlagen geben. Trotz aller Bemühungen konnten wir nichts
mehr ausrichten, Team Nummer 21 war einfach stärker.
Dann wollten wir zumindest den dritten Platz behalten, was durch einen
beruhigenden Vorsprung von über 20 Runden auf den Viertplazierten
aber problemlos möglich war. In der letzten Stunde ab 11Uhr wurden
zwar noch einmal die letzten Kräfte mobilisiert und die Rundenzeiten
purzelten noch einmal, aber harte Auseinandersetzungen wie in den letzten
Jahren blieben aus. Der Abstand nach vorne und hinten war einfach zu
groß.
Um 12 Uhr mittags war es dann endlich vorbei. Wir zehn Läufer waren
fix und fertig, aber glücklich, diesen tollen dritten Platz erreicht
zu haben. Noch dazu steuerten wir mit 998DM auf unserem Spendenkonto
einen ansehnlichen Betrag zum eigentlichen Zweck der Veranstaltung,
dem Sammeln von Geldern, bei. Nach einer ewig vorkommenden Ehrenrunde,
dem Abbau von Zelten und Pavillons sowie der Siegerehrung fuhren wir
dann endlich nach Hause. Dort zog es die meisten Läufer direkt
nach der Dusche oder Badewanne ins Bett, wo sie vor Montag morgen auch
nicht mehr herauskamen. Allerdings schliefen wir alle mit der Gewissheit
ein, dass der 24h-Lauf 2002 am 7./8. September stattfinden wird.