Gemeindebrief - gockel.info

Ausgabe Dezember 2003 / Januar 2004
Thema: Engel

Engel sind „in“....
Derzeit gibt es 3796 deutsche Buchtitel, die sich mit diesem Thema beschäftigen; und in der Internet-Suchmaschine Google finden Sie 2 410 000 Stichworte zum Thema Engel....
Geflügelte Wesen treten derzeit für Zigaretten- und Autowerbung auf , von Frischkäse ganz zu schweigen....
Auch die Schokoladenindustrie folgt dem Trend....
Engel gehören, wie die Existenz Gottes, die Zahl 13 als Unglückszahl und die Existenz des Atoms zum Glaubensbekenntnis der meisten Menschen der westlichen Halbkugel, habe ich gelesen....
In jedem 10. Lied von Led Zeppelin bis zu Martin Kesici kommen Engel vor („Angel of Berlin“...)....
Ohne den goldenen Engel auf der Christbaumspitze konnte es für mich als Kind nicht Weihnachten werden....
Die Künstler der Renaissance wie z.B. Michelangelo haben Kirchen mit Egelsgemälden geschmückt....
Ein Großvater verbot vor ein paar Jahren seiner dunkelhaarigen Enkelin in einem Krippenspiel einen Engel zu spielen. Engel sind blond!....
Wichtig sind die Flügel!....
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel!....
Als ich vor Jahren einmal über die Weihnachtsfeiertage zur Kur war, hat eine Frau sich als wahrer Engel erwiesen. Durch sie fühlte ich mich nicht mehr einsam....
Engel gehören zu den himmlischen Heerscharen. Ihre Hierarchie ist genau geordnet. Je näher sie bei Gott angeordnet sind, desto höher ist ihr Status.....
Jeder Mensch hat einen Schutzengel!....
Wenn Menschen einem Engel begegnen, verändert sich etwas in ihrem Leben....
Engel sind doch meistens nur Staubfänger und stehen herum!.
Engel bestehen nur aus Licht....
Engel gibt es doch gar nicht!


Engel - ein Thema seit Jahrtausenden
Sicher war dies alles etwas verwirrend, aber so ging es den Teilnehmern des Bibelkreises unserer Gemeinde auch, als sie vor ein paar Jahren einen Gottesdienst zu diesem Thema vorbereitet haben und deren Text wir nur abgewandelt haben.
Jeder und jede von uns hat eigene Vorstellungen zu diesem Thema. Existieren Engel und wie sehen sie aus? Sind es Menschen oder Himmelswesen? Haben sie nun Flügel oder nicht? Und woher kommen unsere Vorstellungen?
In der Vorweihnachtszeit liegt die Assoziation mit den Himmelsboten nahe, die die Geburt Jesu ankündigen und verkünden. Das ist die christliche Überlieferung.
Der Ursprung sowie die Vorstellung engelhafter Wesen sind jedoch viel älter. Das Wort stammt vom griechischen angelos und bedeutet dort Bote, Verkünder. Der griechische Philosoph Sokrates (469-399 v.Chr.) sah in dem geflügelten Gott Eros die „innere Stimme“, die die Liebenden inspiriert und sie „mit göttlichem Wahnsinn“ erfüllt. Die kleinen nackten Putten, die seit Renaissance und Barock unsere Kirchen bevölkern, sind unmittelbare Nachkommen von Eros, dem Gott der Liebe. Für die spätere Darstellung dürfte auch Nike, die Siegesgöttin, Modell gestanden haben - auf Siegessäulen ist sie heute noch prächtig beflügelt zu sehen.
Das griechische Wort angelos ist wiederum nur eine Übersetzung aus dem hebräischen “mal `ach“. Die Juden wurden während des babylonischen Exils 597 v.Chr. von den religiösen Vorstellungen des babylonisch-persischen Kulturraums beeinflusst und brachten dessen Engelbilder nach Israel mit.
Wir könnten nicht nur einen, sondern ganze Jahrgänge von Gemeindebriefen mit diesem Thema füllen.

 


Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Sie gehen leise und müssen nicht schrein,
Oft sind die alt und hässlich und klein, die Engel.

Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
Oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel.

Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
Er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht,
der Engel.

Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel,
Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein ­

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Rudolf Otto Wiemer

 

Ein fauler Hund
Von Uschi Neuhauser

Ich habe ihn gesehen. Ich weiß es ganz genau, es war in der Hamburger U-Bahn, da saß er mir gegenüber. Männlich. Und ohne Flügel. Das weitere ist schon schwerer zu beschreiben. Aber ich erinnere mich, dass alles stimmte. Die Gesichtszüge, die Gestalt, die Haltung, Größe, Kleidung.
In seiner Nähe fühlte ich mich gut. Wohltemperiert.
Entspannt. Totale Harmonie. Seine Augen strahlten derart, dass sie eigenartig farblos waren. Ich fixierte ihn, ohne verlegen zu werden. Nichts beunruhigte mich an ihm, störte mich. Ich war weder steif vor Schreck noch angeturnt. Ich befand mich in völliger Balance. Wir schwiegen sanft. Landungsbrücken stieg er aus.
Er hat nichts getan, was man von Engeln sonst erwarten darf: Er hat mich nicht gerettet. Er hat mich auch nicht auf den rechten Pfad geführt. Er hat meine dringendsten Probleme nicht gelöst. Ein fauler Hund. Für einen Flügelschlag lang bescherte er nichts als ein himmlisches Gefühl.

 

Haben Sie schon mal einen Schutzengel gesehen?
- Umfrageergebnisse nach H. C. Moolenburgh -

Tiefes Nachsinnen 15 1/4 %
Spontanes Lachen 11 1/4 %
Nüchtern 10 3/4 %
Erstaunt 9 1/4 %
Strahlend 9 1/4 %
Interessiert 4 3/4 %
Konstruktive Teilnahme 5 %
Negativ 4 3/4 %
Kurz und bündig 3 1/2 %
Ernst 2 1/2 %
„Mein Partner“ 2 1/4 %
sonstige Reaktionen 20 1/2 %

Die Frage nach Engelerfahrungen ruft emotionale Reaktionen hervor. Menschen brechen spontan in Tränen aus; manche antworten sehr prompt; nur wenige reagieren kurz und bündig.
Wichtigste Schlussfolgerung des Verfassers: es MUSS Engel geben, da sie ganz deutlich einen Teil der menschlichen Erfahrungswelt ausmachen!

Zitiert aus: Uwe Wolff,
Das große Buch der Engel.
Herder 2002

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