| Ausgabe August/September 2003
Thema: Dienste für Deutschland
Dienste für Deutschland
Etwa im Alter von 17 Jahren bekommt jeder männliche deutsche
Staatsbürger einen Brief von seinem Kreiswehrersatzamt (oder zumindest
sollte es so sein): „Erfassung von Wehrpflichtigen“ heißt
es darin. Dies ist das erste Glied einer ganzen Kette von weiteren Briefen
und Ereignissen, an deren Ende dann in der Regel der neunmonatige Wehrdienst,
ein ziviler Ersatzdienst oder die Ausmusterung stehen.
Die Grundlage dafür ist Artikel 12a, Absatz 1 unseres Grundgesetzes.
Darin heißt es: „Männer können vom vollendeten achtzehnten
Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz
oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden“.
Die tatsächliche Praxis sieht heute aber anders aus. Immer mehr Männer
werden durch die aufgeweichten Musterungskriterien für „nicht
tauglich“ erklärt und sind damit von jeglichem Dienst befreit.
Dies liegt an der formell immer noch bestehenden Begründung des Zivildienstes
als Ersatz für Verweigerer aus Gewissensgründen. Ein anderer
Verweigerungsgrund ist (formell) nicht zulässig, daher heißt
es korrekterweise auch „Ersatzdienst“, nicht Zivildienst.
Eine Wehrgerechtigkeit ist heute nicht mehr gegeben, über Sinn und
Zeitmäßigkeit des Zwangsdienstes lässt sich selbstverständlich
diskutieren.
Wer weder zur Bundeswehr möchte noch den Ersatzdienst attraktiv findet,
kann sich auch für mehrere Jahre bei der Feuerwehr, dem Technischen
Hilfswerk oder einem anderen Zivilschutzverband verpflichten. Hier ist
er parallel zu Ausbildung, Studium oder Beruf abends und an Wochenenden
tätig. Eine andere Möglichkeit besteht im „Anderen Dienst
im Ausland“. Hier arbeitet man als Entwicklungshelfer, dann für
14 Monate, und ersetzt so den Dienst in und für Deutschland.
Für Frauen oder Ausgemusterte, die trotzdem
etwas für unser Gemeinwesen leisten wollen, meist aber ein Jahr Bedenkzeit
über ihren späteren Berufswunsch oder Wartesemester fürs
Studium haben wollen, bietet sich noch die Möglichkeit eines „Freiwilligen
Sozialen Jahres“ (FSJ) oder eines „Freiwilligen Ökologischen
Jahres“ (FÖJ). Der dritte Sohn einer Familie, Theologiestudenten
oder angehende Polizisten sowie Bundesgrenzschützer sind grundsätzlich
von der Wehrpflicht befreit.
Dienst für die Welt
„Dienst“ ist ein altmodisches Wort. Es sei
denn, man meint Dienstleistungen. Oder spricht wie selbstverständlich
vom Wehrdienst. Und in der Tat – „Dienst“ ist vom Ursprung
her die Arbeit eines Knechts, eines Sklaven. Gibt’s nicht mehr –
Dienst adé. Bleibt nur noch die Leistung für den Kunden König
– solange er Geld hat.
Aber stimmt das?
Knechte, Sklaven gibt’s nicht mehr?
Generationen von Weintrauben-Pflückern in Brasilien, Teppich-Knüpferinnen
in Indien und die Kinder in den Arbeitslagern in Mali werden das anders
sehen.
Wer im Wohlstand leben will, muss Menschen für sich arbeiten lassen.
Aber nicht nur das, die Wahrheit dürfte noch einfacher sein:
Wer leben will, muss andere für sich arbeiten lassen.
Die Regel der Gewalt, die unser ganzes Leben durchtränkt hat, lautet
noch einfacher:
Dein Tod ist mein Leben.
Jesus von Nazareth hat diese Regel des Todes ins
Leben gekehrt:
Mein Tod ist dein Leben.
Mein Dienst lässt es Dir wohl ergehen.
Meine Arbeit verschafft Dir Wohlstand.
Als Sklave, der Füße wäscht.
Als Diener zu Tisch beim Abendmahl.
Als Verbrecher am Kreuz.
Was ist damit erreicht?
Gemeinschaft zwischen Menschen, die sich aus dem Weg gegangen sind.
Überwindung von Schuld und Hass.
Umkehr. Das Geschenk für den neuen Anfang.
Wer Gemeinschaft will, muss bereit sein zum Dienst
für andere.
Wer Schuld und Hass überwinden will, muss bereit sein, zu leiden.
Nur wer sein ganzes Leben einsetzt, kann glaubwürdig zur Umkehr aufrufen.
Der Dienst Jesu für die Welt befreit dazu.
Zum Dienst für die Welt.
Dr. Matthias
Engelke, Pfarrer in Idar-Oberstein, ehemaliger Militärpfarrer
Bundeswehr:
Neun Monate Wehrdienstzeit – eine Erfahrung
01. Oktober 2002: Wie Hunderte anderer junger Männer aus
ganz Deutschland auch rückte ich zu meinem neunmonatigen Grundwehrdienst
ein. Das nächste dreiviertel Jahr sollte ich nun Soldat sein und
der „Bundesrepublik Deutschland treu dienen und das Recht und die
Freiheit des deutschen Volkes tapfer verteidigen“, wie ich wenig
später beim feierlichen Gelöbnis bekannt habe. Damit uns dieses
auch problemlos gelingt, sollten wir in den ersten drei Monaten die „Allgemeine
Grundausbildung“ (bei der Bundeswehr, wo es für fast wirklich
ALLES eine Abkürzung gibt, „AGA“ genannt) absolvieren.
Dort lernt man die militärischen Umgangsformen, das Schießen
und den Umgang mit der Waffe, „Tarnen und Täuschen“ sowie
Erste Hilfe und Wachausbildung. In den ersten Tagen wurde aus uns bunt
zusammengewürfelten zirka 60 Rekruten ein so genannter „Zug“
geformt. Wir bekamen alle Uniformen, lernten auf Befehl „vor dem
Block in Linie anzutreten“ und marschierten von nun an im Gleichschritt.
Beim Betreten unserer Stube („Zimmer gibt es im Hotel“) durch
einen höheren Dienstgrad (deren Abzeichen mussten wir selbstverständlich
in den ersten Tagen auswendig lernen) mussten wir stillstehen und Meldung
erstatten. Das lautete dann etwa so: „Kanonier Weber, melde Stube
205, mit sechs Mann belegt, fünf Mann anwesend, beim Reinigen der
Stube“. Unsere sportliche Fitness wurde zu steigern versucht, wir
lernten, die ABC-Schutzmaske mitsamt Poncho innerhalb von 14 Sekunden
aufzuziehen, das G3 (das [noch] Standardgewehr der Bundeswehr, irgendwann
in den 50er Jahren entwickelt) möglichst schnell und blind zu zerlegen
und wieder zusammenzubauen sowie die militärischen Gangarten von
Kriechen bis zu Gleiten II.
Wie ein roter Faden zogen sich durch diese dreimonatige Grundausbildung
die militärische Ordnung und eine notorische Zeitknappheit. Essen
innerhalb von acht Minuten, Umziehen und Duschen innerhalb von zehn Minuten
(bei fünf Duschköpfen und 60 Mann) oder in kompletter Formation
Antreten innerhalb von 20 Sekunden waren das Standardprogramm. Die Schuhe
mussten immer blitzblank glänzen, der Spind penibelst aufgeräumt
sein und die Stube staubfrei geputzt sein. Überhaupt ist die Sauberkeit
so ziemlich das Wichtigste in der deutschen Armee überhaupt. Ich
denke, ich habe in den neun Monaten mehr geputzt als alles andere gemacht.
Unser Tag begann um 4.45h und dauerte bis mindestens 18h, oft auch bis
20h oder 21h. Wenn wir einen Gefechtstag im Gelände hatten oder für
mehrere Nächte im Biwak waren, gab es überhaupt keinen Dienstschluss.
Einen zeitlichen oder finanziellen Ausgleich für länger geleisteten
Dienst gibt es bei der Bundeswehr erst ab dem vierten Dienstmonat.
Nach der Grundausbildung wurden wir in unsere neuen Teileinheiten versetzt.
Ich selbst blieb in der gleichen Batterie wie während der AGA und
sollte zum Vermesser ausgebildet werden. Im Zivilen sind dies die Personen
mit den langen Stäben und den fernglasähnlichen Geräten.
Nur wir vermessen keine Straßen und Gebäude um zu bauen, sondern
die Entfernungen von Panzern und Positionen von Material, um effektiver
zu zerstören.
In der nun beginnenden Speziellen Grundausbildung (Die Abkürzung
hierfür lautet SGA) war nichts mehr so wie vorher. Das meiste aus
der AGA konnten wir nun wieder getrost vergessen – eine Spindkontrolle
gab es kein einziges Mal mehr, eine militärisch korrekte Meldung
habe ich seitdem vielleicht fünf Mal gemacht (das war in der AGA
so das Pensum eines Vormittags), Gleiten, Einbuddeln oder ABC-Alarm gab
es auch nicht mehr und das Gewehr wurde nur zum Reinigen zerlegt. Unser
Dienst begann um 7h und endete pünktlich um 16.20h, dazwischen gab
es eine so genannte 20-minütige NATO-Pause (warum diese Frühstuckspause
so heißt, konnte mir absolut niemand erklären) und eine Mittagspause.
Wir durften selbstständig und ohne Formation zu den Mahlzeiten gehen
– oder anstatt Frühstück auch 20 Minuten länger im
Bett bleiben.
In vielen Stunden Rechnen lernten wir die theoretischen Grundlagen des
Vermessens und anschließend die praktische Umsetzung an den verschiedenen
Geräten. Wirklich eingesetzt haben wir diese neu erlernten Fähigkeiten
aber nie wieder. Am Ende der SGA erfuhren wir, dass unsere Einheit von
nun an US-Depots und Kasernen bewachen sollte. Ab Ende Februar machten
wir also keinen normalen Dienst mehr, sondern bewachten ausschließlich
verschiedene US-Liegenschaften. Zwei Wochen durchgehend Wache, eine Woche
frei und zwischendurch ein paar Tage in unserer Stammkaserne in Tauberbischofsheim
lautete von nun an das Programm. Die geplanten Truppenübungsplatzaufenthalte
wurden alle abgesagt, das Vermesserwerkzeug habe ich seitdem kein einziges
Mal mehr in der Hand gehabt. Statt dessen eine eintönige, stupide
und langweilige Wache. Somit wurde die Unterstützung der USA –Deutschland
beteiligt sich zwar nicht am Irak-Krieg, stellt aber über 7000 Soldaten
ab, um dem dadurch entstandenen Bedrohungspotenzial gerecht zu werden-
zur prägenden Tätigkeit meiner Wehrdienstzeit.
Wenn man mich heute fragt, was für mich meine Bundeswehrzeit war,
antworte ich immer mit „Eine Erfahrung“. Der Einblick in die
Streitkräfte hat mir viele neue Erkenntnisse gebracht. Ich sehe die
Einsätze im Kosovo und Afghanistan anders, kann mir viel besser vorstellen,
was Krieg wirklich heißt oder bewerte die politischen Diskussionen
um Ausrüstung der Bundeswehr oder Wehrpflicht ganz neu. Mehr als
diese Erfahrungen habe ich aber nicht aus der Bundeswehr mitgenommen.
Meine neuen Vermesserkenntnisse kann ich nirgends einsetzen, der militärische
B-Führerschein bringt mir im Zivilen auch nichts und ein G3 werde
ich mein ganzes Leben nicht mehr in die Hand bekommen. Auch der Wehrsold
– als Obergefreiter 8,95€ pro Tag plus einige Zulagen- entschädigt
nicht annähernd für sehr viel Stumpfsinn, unnütze Tätigkeiten
oder einfaches Herumstehen bei der Wache.
Aber eigentlich macht man diesen Dienst ja auch nicht für sich persönlich,
sondern als Beitrag zum Gemeinwesen in unserem Staat. Ohne diese US-Wache
wäre meine Wehrdienstzeit aber komplett ohne Nutzen für die
Bundswehr gewesen (Ein Wehrpflichtiger hat nur auf den Bruchteil der Ausgleiche
für 24h-Dienste Anspruch als ein Zeitsoldat. Somit waren wir die
billigste Variante als Wachsoldaten). Deutschlands Armee ist im 21. Jahrhundert
eine Krisenprävention und –interventionsstreitkraft. Ihre Aufgabe
besteht in Einsätzen auf dem ganzen Erdball. Dieser Entwicklung hat
unser Verteidigungsminister Peter Struck in den neuen Verteidigungspolitischen
Richtlinien (VPR) vom Mai dieses Jahres auch Rechnung getragen, in denen
er Auftrag und Aufgabe der Bundeswehr in diese Richtung verschiebt. Der
große Krieg, in dem die Freiheit und Existenz der Bundesrepublik
mit Mann und Maus verteidigt werden muss, war vor 20 Jahren reell, heute
ist er zum Glück Geschichte. Deutschland ist ausschließlich
von befreundeten Partnerländern umgeben. Damit sind aber auch eine
Mobilisierung und ein Anschwellen der Armee auf ein Mehrfaches ihrer Friedensstärke
nicht mehr notwendig und der ursprüngliche Sinn der Wehrpflicht verwässert
sich.
Für die nun aktuellen Auslandseinsätze sind Wehrpflichtige aber
nicht geeignet. Ihre Dienstzeit ist viel zu kurz, um Ausbildung, Einsatzvorbereitung
und eigentlichen Einsatz absolvieren zu können. Dafür muss man
sich auf mindestens 18 Monate verpflichten – doppelt so lang wie
ein normaler Grundwehrdienstleistender.
Die Hälfte der derzeitigen Wehrpflicht wird mit Ausbildung verbracht
– AGA, SGA, eventuell Zusatzausbildungen wie Führerschein.
Dies kostet Geld, bindet Zeitsoldaten, benötigt Material und Ressourcen,
und kurz danach sind wir eh wieder weg.
Die Wehrpflicht hat aber zwei große Vorteile für die Bundeswehr:
Erstens, sie ist das größte Nachwuchsgewinnungsprogramm Deutschlands.
Viele junge Männer entscheiden sich während ihres Grundwehrdienstes
für eine längere Verpflichtung. Erst wenn sie die Streitkräfte
(zwangsweise) kennen gelernt haben, können sie sich vorstellen, mehrere
Jahre hier zu verbringen. Ohne Wehrpflicht hätte die Bundeswehr ein
massives Nachwuchsproblem.
Der zweite Punkt ist eine Verankerung in der Gesellschaft und eine immer
neue Auseinandersetzung gegenüber dieser. Alle neun Monate kommen
frische Männer aus dem Zivilleben und hinterfragen Strukturen und
Mechanismen der Bundeswehr. Die Dienstgrade müssen sich neu beweisen,
das System neu bewähren. Die Rekruten sind auf ihre Rechte bedacht,
lassen sich nicht alles gefallen. Bei einer Berufsarmee hat sich nach
einer gewissen Zeit ein System von Geben und Nehmen, Dienstgradgläubigkeit
und Karriereabsichten eingestellt – niemand mehr würde Führungsqualitäten
eines Offiziers in Frage stellen oder die Kompetenz eines Feldwebels anzweifeln.
Wehrpflichtige scheiden nach neun Monaten aus und erzählen, was ihnen
gefallen und auch missfallen hat (so wie ich es auch in diesem Artikel
tue). Ein „Staat im Staate“ kann mit der Wehrpflicht niemals
entstehen.
Aber rechtfertigen diese zwei Aspekte, jungen Männern neun Monate
ihrer Zeit zu rauben, ihre Freiheit dermaßen einzuschränken?
Ist die Gefahr des „Staats im Staate“ wirklich noch akut?
Nicht nur mich beschäftigen diese Fragen, wie wieder einmal die aktuelle
Diskussion um die Wehrpflicht zeigt. Auf das Ergebnis dürfen wir
alle gespannt sein.
Thilo Weber
Zivildienst - Zehn Monate lang, Ungewissheit, vielleicht Ekel. Dies könnten
Gedanken vor dem Antritt als Zivi sein.
Neue Perspektiven, Gewissenhaftigkeit, Lebensfreude. - Das ist die Einstellung,
die ich mittlerweile habe.
Durch den Zivildienst hat sich in meinem Leben einiges verändert.
Zu Anfang hatte ich noch überlegt: warum machst du eigentlich keinen
Wehrdienst? Zum Bund gehen, Sport machen, neue Leute kennen lernen, mal
was anderes sehen.
Aber warum in die Ferne schweifen. Das Ganze hatte ich auch direkt vor
der Haustür. So nahm ich eine Stelle bei den Johannitern im Rodgau
an und verzichtete auf das Militär.
Sport kann ich jetzt immer dann machen, wann ich will, mir selbst einteilen,
und dabei angeschrieen werde ich auch nicht. Neue Leute lernte ich während
dieser zehn Monate mehr als genug kennen.
Dinge sehen, die man davor noch nie gesehen hat. Das war manchmal etwas
schwierig, veränderte allerdings am meisten bei mir.
Die Schwierigkeiten, die im Alter auf einen Menschen zukommen, sind wirklich
erschreckend. Unselbständigkeit, Unfähigkeit, Hilflosigkeit
können sich in manchen Fällen auf erschreckende Art und Weise
darstellen. Dies habe ich während meiner Arbeit hautnah erlebt.
Das ist auch der Moment, in dem man große Hilfsbereitschaft aufbaut
sowie Trauer und Enttäuschung am stärksten sind und sich die
eigene Einstellung am meisten ändert.
Man fängt an, vieles mit anderen Augen zu sehen und beginnt, auch
die kleinen Dinge im Leben zu genießen. Dies sind Alltäglichkeiten
wie morgens früh aufstehen, feststellen dass es einem gut geht und
der Tag beginnen kann. Ich weiß nicht, ob man diese Einstellung
auch während einer anderen Art von Dienst bekommen kann. Hat man
aber schon mal einen alten und kranken Menschen gesehen, ihm beim Essen
geholfen, beim Anziehen oder einfach nur mit ihm gesprochen, erfährt
man ein Wechselbad der Gefühle. Zu Anfang noch Abscheu oder auch
Verärgerung, wird es ziemlich schnell in Hilflosigkeit, Mitleid und
Trauer umschlagen.
Dies ist auch der Grund, warum viele diesen Job mit Hingabe machen. Diesen
Menschen ihr Leben so weit wie möglich angenehm gestalten, und da
helfen, wo es alleine nicht mehr geht, denn ohne sie gäbe es auch
uns nicht. Man bekommt viel Dank und Anerkennung zurück.
Abschließend möchte ich nur noch
einmal sagen, dass jeder selbst entscheiden muss, was er machen möchte.
Ich möchte jetzt nicht schreiben, dass Zivildienst besser ist als
Bund oder umgekehrt. Man kann ganz bestimmt bei beiden Diensten Erfahrungen
machen, die einen ein Leben lang prägen.
Dominik Stadler
Das dritte Beispiel:
Der Andere Dienst im Ausland
Als ich Mitte September vergangenen Jahres in das Flugzeug nach
Chile stieg, hatte ich sehr gemischte Gefühle. Einerseits freute
ich mich auf die bevorstehenden 14 Monate, in denen ich in einem Armenviertel
von Santiago de Chile leben und arbeiten würde, andererseits hatte
ich auch Angst vor dem, was mich dort erwarten würde.
Ich hatte mich entschieden, statt des Zivildienstes in Deutschland den
"Anderen Dienst im Ausland" zu leisten. Dieser Dienst wird als
Zivildienst anerkannt, dauert jedoch mindestens ein Jahr und muss unentgeltlich
geleistet werden.
Wie genau ich auf die Idee gekommen bin, meinen Zivildienst im Ausland
zu machen, kann ich nicht mehr sagen. Es hat sich aus dem Wunsch entwickelt,
nach dem Abitur eine Zeit lang herumzureisen, und daraus, dass ich ein
anderes Land, dessen Kultur und Menschen kennen lernen wollte. Auch wollte
ich aus Rödermark weg und eine andere Sichtweise auf die Welt gewinnen.
Nachdem ich dann von der Möglichkeit des "Anderen Dienstes im
Ausland" erfahren habe, habe ich mich bei verschiedenen Stellen beworben.
Das ich in Chile gelandet bin, war letztendlich Zufall. Ich wollte aber
auf jeden Fall nach Südamerika, da mich der Kontinent fasziniert
hat und ich auch Spanisch lernen wollte.
Von dem was mich dort erwarten würde, hatte ich so gut wie keine
Vorstellung. Außer im Zusammenhang mit Pinochet hatte ich von Chile
bis dahin noch nicht viel gehört, und auch Bücher und Reiseführer
konnten mir nicht helfen, eine genauere Vorstellung von dem zu Bekommen,
was mich dort erwarten würde. Von meiner Aufgabe dort wusste ich
nur, das ich in einem Kindergarten arbeiten würde, der in einem Armenviertel
(Poblacion) liegt. Damit und mit meinem damals kaum vorhandenen Spanischkenntnissen
flog ich also ab. Angekommen, stellte ich schnell fest, dass ich mir vorher
viel zuviel Gedanken und Sorgen gemacht hatte.
Überall wurde ich freundlich und interessiert aufgenommen. Auch wenn
ich kaum Spanisch konnte, versuchte sich jeder mit mir zu unterhalten
und musste dabei teilweise viel Geduld aufbringen. Die Leute waren unheimlich
interessiert an meinem bisherigen Leben, was ich hier mache und wie es
in Deutschland ist. Eingelebt habe ich mich wesentlich schneller als ich
gedacht hätte, und auch die Sprachbarriere wurde schnell niedriger.
Die ersten vier Monate habe ich im Kindergarten gearbeitet und dort den
Erzieherinnen geholfen. Ich gab den Kindern zu essen, spielte mit ihnen,
brachte sie mittags ins Bett und noch vieles mehr.
Anfangs fand ich es teilweise sehr anstrengend, den ganzen Tag mit den
Kindern zu arbeiten, dazu noch in einer fremden Sprache. Aber auch das
hat sich schnell geändert.
Ab Ende Januar war ich dann fast 2 1/2 Monate in einem Waisenheim in Bolivien.
Dort habe ich eine noch viel ärmere und chancenlosere Welt kennen
gelernt, als ich sie aus Chile kannte.
Nachdem ich wieder in Chile war, habe ich angefangen, in einer Krankenstation
im gleichen Viertel zu arbeiten. Von einigen träumerischen Vorstellungen
über die Art der Hilfe für die Armen und deren Umfang musste
ich mich auch verabschieden. Ich habe gemerkt, dass die Entwicklung und
Hilfe für die Armen meist nur in kleinen Schritten voran kommt und
viel Zeit braucht. Allerdings sind gerade diese kleinen Gesten und Freuden,
die man den Kindern und Erwachsenen dort machen kann, das Wichtigste.
Wenn ich noch einmal vor der Wahl stände, den "Anderen Dienst
im Ausland" zu machen, würde ich es sofort wieder machen. Bisher
war es für mich eine großartige und interessante Erfahrung,
die ich jedem, der die Möglichkeit dazu hat, auch empfehlen würde.
Natürlich ich hatte auch Zeiten, in denen ich mir überlegt habe,
was ich hier eigentlich mache und in denen ich am liebsten wieder heimgefahren
wäre, aber auch das geht mit der Zeit vorbei. Am wichtigsten erscheint
mir, dass man die Möglichkeit hat, Einblicke in ein fremdes Land
zu bekommen, die man mit Reisen allein nie bekommen könnte.
Johannes Birnbaum
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