Gemeindebrief - gockel.info

Ausgabe Dezember 2002 / Januar 2003
Thema: Der andere Advent

Besinnung
Traditionell dient die Adventszeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Die Wohnungen und Häuser werden geschmückt, in vielen Familien Plätzchen gebacken, Geschenke besorgt und auch die eine oder andere Weihnachtskarte geschrieben. Die Adventszeit kann aber auch Hektik und Stress bedeuten. Manchmal muss man nicht nur lange überlegen, was man den Lieben schenken könnte, sondern auch die Vorbereitung des Essens an Heiligabend und an den Feiertagen ist zu bedenken. Man führt Listen, was noch alles zu erledigen ist. Und dann geht doch manches im Alltag unter. Auch mir ist es schon öfters passiert, dass ich erst kurz vor Weihnachten die letzten Besorgungen gemacht habe. Die eigentlich so stille und friedfertige Zeit des Advents zeigt sich dann eher von ihrer schrillen und lauten Seite. Die Werbung verfolgt einen auf Schritt und Tritt, Geschäfte sind oftmals voll, die Verkäuferinnen und Verkäufer genervt. Der einen Leid ist der anderen Freud. Für den Handel ist es natürlich die wichtigste Zeit im Jahr. Die Gewinne aus dem Advents- und Weihnachtsgeschäft sind fest einkalkuliert und ohne sie würde es im ersten Jahr nach der Währungsumstellung für viele Geschäftsleute besonders mau aussehen.
Doch darf nicht vergessen werden, dass es sich im kirchlichen Sinne bei der Adventszeit um eine Bußzeit handelt. In der Zeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest soll man sich auf das besinnen, was im eigenen Leben und im Leben anderer nicht so gut läuft. Der Adventszeit diesen Sinn zurückzugeben ist jedenfalls das Anliegen der Kirche. Dies ist ganz im Sinne der Botschaft an Weihnachten. Genau so wie auch Gott nicht laut und auffallend in die Welt kommt, sondern klein und unscheinbar in dem Kind in der Krippe, entfalten oftmals die kleinen Erkenntnisse eine große Wirkung. Nicht nur darüber nachzudenken, was die Menschen in unserem Umfeld an käuflichen Dingen gebrauchen könnten, sondern auch darüber, was sie uns bedeuten und dies in Worten wertzuschätzen, wäre eine adventliche Besinnung wert. Dafür ist aber nur Zeit, wenn ich mich früh genug um alles kümmere.
Mit den besten Wünschen für eine besinnliche Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest
Ihr Pfarrer Frank Fuchs



"Was ist für SIE das Besondere am Advent?"
Fragen an Menschen in und um Ober-Roden


Ruth Streitenberger, Messenhausen:
Da im Garten keine Arbeit mehr anliegt, habe ich im Advent mehr Zeit für mich, in der ich gerne adventliche Musik von CDs oder Platten höre und dabei ausruhe, besonders gerne auch Bänder mit eigenen Aufnahmen unseres Kirchenchores.
Mit meinem jüngsten Enkel Stefan, 10 Jahre, werde ich wieder Weihnachtsplätzchen und Stollen backen.
Die Gläser mit während des ganzen Jahres selbstgekochten Gelees und Marmeladen, vor allem Quitten, verschenke ich in der Adventszeit oder stifte sie karitativen Veranstaltungen zum Verkauf, z.B. bei Seniorennachmittagen u.ä. Das gilt auch für kleine Adventsgestecke, die ich bastele und dann verschenke.
In der Adventszeit ist bei Streitenbergers immer einmal großes Familientreffen, da meine Kinder zum Teil über Weihnachten in Urlaub fahren, und dann gibt's seit vielen Jahren den traditionellen Fleischpudding nach einem Rezept, das mein Mann damals von seiner Oma überliefert bekommen hat, die Engländerin war.


Sven Blatter, Ober-Roden
1. gemütlich im warmen Wohnzimmer sitzen und die Plätzchen mit Espresso genießen
2. viele Feiern und gesellschaftliche Ereignisse (Weihnachtsfeier...) - wird aber in der Menge schon fast zu stressig
3. mit Freunden und Eltern über den Weihnachtsmarkt gehen (Glühwein....)


Ingrid Weck, Waldacker:
In der Adventszeit geht es bei uns sehr beschaulich zu. Wir zünden jeden Tag in der Dämmerung die Kerze(n) am Adventskranz an und lesen eine besinnliche Geschichte. Letztes Jahr war dies das Weihnachtsgeheimnis von Jostein Gaardner. Ich versuche den Kindern den "Geist" von Weihnachten zu vermitteln und fühle mich selbst dabei "dem Sinn" näher. Diese Zeit, Nähe und Geborgenheit möchte ich nicht missen!

Frank Ressemann, Ober-Roden:
Brauchtum in der Familie ist die nachmittägliche Zusammenkunft am jeweiligen Adventstag zu Kaffee/Tee und Kuchen. Es steht während der Adventszeit ein gesteckter Adventskranz mit Kerzen auf dem Tisch und man nimmt sich bewusst füreinander ein wenig Zeit in besinnlicher Atmosphäre. Mit Kindern um so wichtiger und schöner. Ansonsten stehen ein wenig Basteln und das gemächliche Vorbereiten auf das Weihnachtsfest auf dem Plan, vorrangig Plätzchen backen, Besuch von Weihnachtsmärkten oder an trockenen Tagen auch ein Spaziergang Richtung Wald, um natürlichen Bastelbedarf (Blätter, Ästchen, Tannenzweige, Tannenzapfen) einzusammeln.


Sandra Jäger, Ober-Roden:
Advent ist die Vorbereitungszeit der "Ankunft" Christi und nicht der Höchstumsatz an Süß-, Strick- und sonstigen Waren auf dem "Weihnachts-markt". Ich habe mich auch schon oft von dem Kommerz verführen lassen und schon im Oktober Weihnachtsgebäck und -schmuck gekauft. Habe aber nie richtig über Advent nachgedacht. Jetzt als Mutter ist doch alles ein wenig anders: wir werden in diesem Jahr den Advent so richtig genießen und uns wahnsinnig auf Weihnachten freuen!


Konrad Ertinger, Dietzenbach / Ober-Roden:
Meine beiden 11-jährigen Zwillingstöchter schaffen das, die Ruhe zu haben, aus sich heraus zu kommen -etwas lesen, etwas anschauen, in der Zeit, in der es draußen grau ist- im häuslichen Rahmen klappt das auch bei mir; im beruflichen Leben ist es nicht möglich.
Bei mir selber ist das Bedürfnis zum Vermitteln der Werte des Advent durch die Fächerverbindung Mathe und Sport nicht so gegeben. Die Lehrkräfte schaffen das jedoch zu vermitteln; vor allem im Religionsunterricht, im Chor, beim Musical.
Erstmalig haben wir in diesem Jahr ein Weihnachtsmusical eingeübt; am Tag vor den Ferien haben wir für eine Stunde die Kulturhalle gemietet, um dort mit einer Aufführung allen 650 Kindern und Lehrkräften das Gefühl des Besonderen zu vermitteln. Die Religionslehrer in allen Klassen üben 2 gemeinsame Weihnachtslieder ein; kleine Geschichten, auch selbstgeschriebene werden gelesen - eine Stunde gestaltet von allen Klassen für alle Klassen.
Während der Adventszeit wollen wir auch den muslimischen und anders konfessionellen Kindern das christliche Brauchtum vermitteln.


Christa Blecher, Ober-Roden:
Neben all den Vorbereitungen wie Plätzchen backen, Basteln, Adventskranz aufhängen, das Haus schmücken, Geschenke kaufen und . . . finde ich es besonders schön, dass mir mein Mann beim Licht einer Kerze nach dem Frühstück den Text aus dem Kalender "Der Andere Advent" vorliest.


Johannes Birnbaum, zur Zeit Santiago de Chile:
Was Advent wirklich für mich bedeutet, ist eine schwierige Frage. Ehrlich gesagt, hatte ich mir bisher noch keine richtigen Gedanken darüber gemacht.
Das Wichtige an der Advents- und Weihnachtszeit war für mich bisher immer, dass man sich innerhalb der Familie mehr Zeit füreinander genommen hat und wieder öfters zusammen war. Das Plätzchen Backen gehörte für mich ebenfalls zur Adventszeit dazu. Natürlich war auch der Stress der Weihnachtsvorbereitungen immer Bestandteil dieser Zeit. Meistens war Weihnachten dann viel zu schnell da und man merkte, dass schon wieder ein Jahr vorüber ist.
Wie wichtig mir viele Sachen in dieser Zeit sind, die ich in Deutschland gar nicht wahrgenommen habe, wird mir erst jetzt in Chile langsam bewusst.
Im Moment kann ich mir die Advents- und Weihnachtszeit hier überhaupt nicht richtig vorstellen. Es wird gerade Sommer und kein einziges Haus ist weihnachtlich geschmückt. Vielleicht bekomme ich gerade in dieser Zeit mehr Heimweh, beim Gedanken an zu Hause. Kommt überhaupt eine richtige Weihnachtsstimmung auf, oder fliegt sie, im Strudel der ganzen neuen Erlebnisse, einfach so an mir vorüber wie die bisherige Zeit hier...?


Advent begreifen
Statt schlemmen: Fasten

"Advent ist im Dezember". So heißt eine Aktion der Landeskirchen von Bayern, Baden, Württemberg und Hannover. Es soll an die Bedeutung dieser besonderen Zeit erinnert werden - die sich von der eigentlichen Weihnachtszeit im Leben der Kirche und des christlichen Glaubens unterscheidet, anders, als wir das heutzutage in unserer Alltagswirklichkeit erleben.
Auch wir wollen daran erinnern und die eigentliche Bedeutung dieser Zeit wieder neu in Erinnerung rufen. In den vergangenen Jahren habe wir das auch in der Öffentlichkeit mit dem "anderen Advent" in Ober-Roden beim Adventsmarkt des Gewerbevereins zum Ausdruck gebracht. Diesmal machen wir das in schriftlicher Form.
Das Wort "Advent" wird von alters her im Zusammenhang oder statt zweier anderer Worte verwendet, nämlich für das griechische Wort Parusie = Wiederkunft Christi oder Epiphanie = Erscheinung Christi. Genau übersetzt bedeutet es Ankunft. Es geht darum, dass wir uns im kirchlichen Leben auf die Ankunft Christi in der Welt vorbereiten. Die alte Kirche hat sich überlegt, wie der Mensch das am Besten tun kann: sich vorbereiten auf die Ankunft Gottes in der Welt.
Es gab dafür schon aus dem jüdischen Glauben eine Form und auch bei Christen wurde es schon längst praktiziert: Das Fasten. Also der bewusste Verzicht z.B. auf übermäßiges Essen, aber auch der Verzicht auf ablenkende Freuden usw., die uns vom Eigentlichen im Leben ablenken. So wurde zunächst die Zeit vor Weihnachten ganz in Analogie zur Zeit vor Ostern als Fastenzeit mit 5-7 Fastensonntagen gestaltet. Schon die Themen der letzten drei Sonntage unseres evangelischen Kirchenjahres machen es deutlich, denn an diesen Sonntagen geht es immer darum, wie Christus am Ende der Zeit wieder auf die Erde kommen wird und wie wir Menschen uns darauf einstellen können und sollen.
Das ist nun also für uns Heutige eine ganz ungewohnte Vorstellung: Adventszeit ist Fastenzeit. Wir erleben es ganz anders. Alle Weihnachtsfeiern des Jahres liegen im Dezember, da wird gegessen, da wird getrunken und geschlemmt. Das meiste Geld wird im Dezember ausgegeben, ja wir bekommen auch alle ein 13. oder gar 14. Monatsgehalt ausgezahlt, damit wir uns das leisten können, und die Wirtschaft und der Handel hoffen darauf, noch mal richtig etwas einzunehmen. Offensichtlich hat das alles mit Advent nicht viel zu tun. Das Gegenteil wird praktiziert. In keinem Monat sind wir großzügiger und nichts ist weiter vom Fasten entfernt als unser Leben in der Adventszeit. Die Alten hätten das für Blasphemie (Gotteslästerung) gehalten. Dabei sind ganz viele Bräuche, die es zur Adventszeit gibt, durchaus brauchbar, um sich in den Familien vorzubereiten auf die Ankunft Gottes in der Welt, und ihre Wiederbelebung hilft uns, das Wesentliche wieder zu sehen.
Um nicht missverstanden zu werden: Christentum ist nicht gegen das Feiern. Aber alles hat seine Zeit, und Weihnachten ist am 25. Dezember und nicht früher. Also gehört auch das Schlemmen, das Essen der Plätzchen, die Weihnachtsfreude in die Zeit nach dem 25.12., und danach können eigentlich auch erst Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte etc. stattfinden. Die Zeit davor brauchen wir, um uns einzustimmen auf das, was wirklich wichtig ist.
Menschen, die schon vor der Geburt ihres Kindes Feste für das erwartete Kind feiern würden, würden ja auch für verrückt erklärt, sie würden Wesentliches versäumen, nämlich die stille und freudige Erwartung. Und machen wir uns nichts vor: das, was wir da im Dezember tun, und das, was Wirtschaft und Handel sich erträumen, hat schon lange nichts mehr mit der christlichen Botschaft von der Geburt des Gotteskindes in einem ärmlichen Stall zu tun.
Pfr. Matthias Welsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ruth Streitenberger
Musik und Fleischpudding
bei Ruth Streitenberger

Sven Blatter
Sven Blatter mag Plätzchen und Weihnachtsmärkte

Ingrid Weck
Besinnlicher Advent:Ingrid Weck mit Tochter Kendra

Frank Ressemann
Mehr Zeit füreinander, vor allem jetzt mit 2 Kindern, nimmt sich Familie Ressemann

Sandra Jäger
Durch Tochter Lisa ein neues Verhältnis zum Advent gefunden: Sandra Jäger

Konrad Ertinger
Dem neuen Rektor der Trinkborn-Schule gelingt die besinnliche Ruhe nur zu Hause: Konrad Ertinger

Christa Blecher
Christa Blecher
genießt das Frühstück im Advent

Johannes Birnbaum
Johannes Birnbaum absolviert nach seinem Abitur einen 14-monatigen sozialen Dienst in einem Kindergarten in den Slums von Santiago

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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