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Ausgabe Oktober/November 2002
Thema: Pflegekatastrophe 2002
Besinnung / Beifall
- aber für wen?
Immer wieder habe ich von Menschen nach besonderen Gottesdiensten
gehört: Es ist gut, wenn man in der Kirche auch mal klatschen kann,
zum Beispiel für eine gelungene musikalische Darbietung. Und immer
wieder kommt es auch in unserer Kirche zu solchen spontanen Beifallsbekundungen.
Das nimmt dem Gottesdienst die Strenge und den Ernst, sagen die Menschen.
Klatschen und Beifall wird als ein positiver und aktiver Beitrag zum Gottesdienst
empfunden und es hilft, sich der aufgestauten Spannungen zu entledigen.
Klatschen ist ja ein Ausdruck von Begeisterung. Menschen drücken
ihr Gefühl spontan aus und sind mit dem Herzen dabei. Beifall und
Klatschen ist dann ein Lob, ein Ansporn für den Darbietenden, ein
Dank für eine hervorragende Leistung, die erbracht wurde. Standing
Ovations erhält einer, der etwas ganz Besonderes geschafft hat.
Grundsätzlich kann ich diese Gefühle gut verstehen. Menschen
wollen sich begeistern und dem Ausdruck verleihen, warum nicht auch im
Gottesdienst. Als Theologe habe ich allerdings gelernt, genauer hinzusehen.
Denn im Gottesdienst hat jede Form, jede Handlung auch einen Inhalt, eine
Aussage. Kein Gebet, kein Gesang, keine Geste, die nicht auch etwas bedeutet
und in ein dramaturgisches Ganzes eingebettet wäre. Wie bettet sich
der Beifall, das Klatschen ein in die anderen aktiven Parts, die die Gemeinde
sonst singend und sprechend übernimmt?
Gottesdienst ist als Ganzes eine Form,
die Gottesbegegnung ermöglichen will, eine Form, in der Gott, der
Unsterbliche, uns Sterblichen nahe kommen kann, uns anrühren kann.
Insofern ist jede Form im Gottesdienst auf Gott hin ausgerichtet, ihm
zum Lob und ihm zum Dank. In der Dramaturgie des Gottesdienstes kommt
der Mensch dann auch mit all seinen Schwächen zur Sprache, darf er
sich gehen lassen, muss der Mensch einmal nicht im Mittelpunkt stehen.
Das unterscheidet übrigens auch die Mitwirkenden im Gottesdienst
von denen, die sonst in unseren öffentlichen Medien agieren. Pfarrer
und Musiker geben keine Show im Gottesdienst, sondern versuchen, mit ihrer
Rede und ihrer Musik Gott selbst Raum zu geben.
Wenn Gottesdienst so verstanden wird, dann wird schon ein theologisches
Problem sichtbar, das sich mit der Ausdrucksform Klatschen
ergibt. Wem gilt der Beifall? Einer besonders frommen Leistung? Einer
tollen Darbietung? Wenn das so wäre, dann würde damit die Richtung
des Gottesdienstes umgekehrt. Es steht nicht mehr die Gottesbegegnung
im Mittelpunkt, sondern menschliche Leistung. Theologisch führt das
Klatschen den Gottesdienst an dieser Stelle also ad absurdum. Aber dennoch
ist das Klatschen als passende Form im Gottesdienst, als Ausdruck
der BeGEISTerung sehr wohl denkbar. Nämlich an all den Stellen, an
denen wir uns Gottes Nähe besonders bewusst werden. Da gehörte
es zum Beispiel nach die Taufe eines Kindes oder als Antwort auf die Einsetzungs
worte beim Abendmahl. Oder auch nach den Herr erbarme dich
Gesang in der Eingangsliturgie. Das ist nämlich die Stelle, an der
die Liturgie den Einzug des HERRN selbst in den Gottesdienst erwartet.
So, wie es in der Antike Brauch war, wenn der Kaiser oder der Herrscher
den Raum betrat, dann unterwarf man sich ihm mit diesem Ruf. Folgerichtig
unterwerfen wir uns Gott mit diesem Ruf auch in unserer Liturgie und erwarten,
dass er selbst in diesem Moment besonders gegenwärtig ist. Ein Grund,
uns wirklich zu begeistern.
Ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken und die heilsame Wirkung
unserer gottesdienstlichen Liturgie dabei wieder zu entdecken.
Ihr Matthias Welsch
Unser Thema: Pflegekatastrophe 2002
Heute, im Jahr 2002, hat die Situation im Pflegebereich eine
katastrophale Situation angenommen. Eine menschenwürdige
Versorgung von alten und kranken Menschen ist nur noch
schwer möglich. Dies haben die evangelische Kirche und der
Verein ProMorija Freundeskreis erkannt und deshalb eine
Initiative gestartet. Wir machen diesen Themenkomplex zum
Titel dieser Gemeindebriefausgabe und stellen die heutige
Pflegesituation dar, schildern die Kampagnen von EKHN und
ProMorija und zeigen notwendige Veränderungen.
Die Pflegesituation heute
Die Grundrechte-Charta der europäischen Union aus dem Jahr 2000 enthält
einen umfassenden Katalog sozialer Grundrechte, unter anderem das Recht
auf Leistungen der Daseinsvorsorge. Auch im Grundgesetz, unserer
demokratischen Gesellschaftskultur und dem christlichen Menschenbild ist
die würdevolle Behandlung von kranken und alten und dadurch pflegebedürftigen
Menschen eine Selbstverständlichkeit. Um dies auch im hohen Alter
sicherzustellen, wurde 1992 die Pflegeversicherung gegründet. Heute
sieht die Situation aber ganz anders aus: Kranken- und Pflegeversicherung
werden den Anforderungen kaum noch gerecht. Eine ausreichende, menschenwürdige
Pflege ist heute nur noch schwer möglich. Viele Pflege einrichtungen
arbeiten nicht kostendeckend. Dies führt zu einem Stellenabbau und
damit einer sich weiter verschlechternden Pflegesituation. In manchen
Pflegeheimen kommt auf zwölf Patienten nur eine Pflegerin oder Pfleger.
Da diese auch noch organisatorische Aufgaben und Vorbereitungen zu erledigen
hat, bleiben pro Patient und Tag nur noch 40 Minuten persönlicher
Kontakt für ein menschenwürdiges Leben viel zu wenig.
Der hohe Kostendruck zwang die evangelische Kirche in Frankfurt schon
zu Schließungen von sieben ihrer zwölf Diakoniestationen. Die
unzureichende Finanzierung bedroht auch weitere der 82 stationären
und 61 ambulanten Pflegestationen. Zur Zeit fallen pro geleistete Pflegestunde
ungedeckte Kosten von 9,78€ an. Die Vergütung von 32,45€
ist nicht ausreichend. Darüber hinaus spielt im bisherigen System
der tatsächliche Hilfsbedarf für die Pflegebedürftigen
kaum eine Rolle. Die Patienten werden durch eine medizinische Untersuchung
in eine bestimmte Pflegestufe eingeordnet. Bei dem heutigen Verständnis
des Pflegebegriffs werden aber nur körperliche Beschwerden berücksichtigt.
Psychosoziale Aspekte verschwinden im Hintergrund. Daher klafft eine enorme
Lücke zwischen den von den Versicherungen bewilligten Finanzmitteln
für einen Patienten und dem tatsächlichen Pflegebedarf. Ein
Ausweg aus dieser Situation besteht für die Patienten oft nur im
Verzicht auf eine häusliche Pflege und den Umzug ins Pflegeheim.
Dadurch werden sie aber wieder aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und
von ihrer Familie entfernt. In Zukunft wird sich diese Situation weiter
verschlechtern. Der Vierte Bericht zur Lage der alten Generation
einer vom Bundestag eingesetzten Sachverständigenkommission wird
die Zahl der über 80-jährigen in den nächsten 40 Jahren
rapide ansteigen. Die Anzahl der Demenzkranken Patienten mit geistigem
Verfall, Gedächtnisschwäche, Verwirrtheit, Orientierungsstörungen,
Denk- und Wahrnehmungsstörungen- wird bis 2050 von heute zirka 900.000
auf 2 Millionen Personen ansteigen. Heute wird eine menschenwürdige
Betreuung dieser verwirrten und hochaltrigen Menschen aber weder von Pflege-
noch von Krankenversicherung gewährleistet. Im Kreis Offenbach ist
das Haus Morija das einzige Pflegeheim, das eine beschützende geschlossene
Wohngruppe für Demenzkranke unterhält. Dieses so wichtige Mehr
an menschlicher Pflege erfordert natürlich mehr Personal und damit
höhere Kosten. Diese werden heute jedoch nicht durch Pflege- und
Krankenversicherung getragen. Nur durch die finanzielle Unterstützung
durch Spenden und Sponsoren für den Verein ProMorija Freundeskreis
ist diese Wohngruppe überhaupt möglich geworden.
Die Kampagne der EKHN erreichen Sie im Internet unter www.pflegekatastrophe.de
ProMorija Freundeskreis e.V. und die Kampagne
der EKHN und Diakonie
Der Verein ProMorija Freundeskreis e.V. sowie die Evangelische Kirche
in Hessen und Nassau und deren Diakonie haben diese katastrophale Lage
im Pflegebereich erkannt. Deshalb haben sie unabhängig und
zufällig zum gleichen Zeitpunkt- Initiativen mit dem Ziel gestartet,
die Bevölkerung über diesen Misstand aufzuklären und die
Politik zum Handeln zu bewegen. ProMorija versteht sich selbst als Lobby
der Pflegebedürftigen und möchte für die sprechen,
die es selbst nicht können. Der Verein hat die vier Kandidaten zur
Bundestagswahl unseres Wahlkreises 188 (Odenwald) von CDU, SPD, FDP
und Grüne angeschrieben und ihnen neun konkrete Fragen zum Pflegebereich
gestellt. Die vier Politiker Patricia Lips (CDU), Dr. Erika Ober (SPD),
Dr. Heinrich Kolb (FDP) und Gösta Müller (Grüne) reagierten
mit viel Verständnis, guter Analyse der aktuellen Pflegesituation
und erkennbar gutem Willen auf die neun Fragen des Freundeskreises. In
den nächsten vier Jahren wird sich ihre Politik an dieses Aussagen
messen lassen müssen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
(EKHN) hat zusammen mit ihren Diakonischen Werken und mit Unterstützung
von weiteren Landeskirchen, dem Diakonischen Werk der Evangelischen
Kirche in Deutschland (DW EKD) und der internationalen Werbeagentur Leo
Burnett eine Kommunikationskampagne gestartet. 1200 Plakate, Informationsmaterial
und Postkarten sollen über die katastrophale Pflegesituation informieren
und notwendigen Druck für Veränderungen auf die Politiker ausüben.
Der Slogan der Kampagne lautet Pflege am Ende oder vor der Wende
Für eine verantwortliche Politik. Alle 400 Bundestagskandidaten
aus Hessen haben einen Brief mit den wichtigsten Informationen erhalten.
Kirchenpräsident Steinacker spricht von den Pflegebedürftigen
als Bittstellern und Almosenempfängern. Nach dem christlichen
Verständnis gäbe es aber ein Recht auf Pflege und Zuwendung.
Nach der Bundestagswahl solle die Zeit für Lösungen
anfangen.
Der Verein ProMorija Freundeskreis
Zwickauer Str. 2
63322 Rödermark
morija-roedermark@t-online.de
Aufruf an die Politik
Die EKHN formuliert in ihrer Kampagne konkrete Thesen und Forderungen
an die Politik. Ein Kernpunkt der Problematik ist die Finanzierung.
Es werden neue Ideen für Finanzierungsmodelle gefordert. Die heutige
Pflege- und Krankenversicherung ist den
Anforderungen nicht mehr gewachsen. Ein Anheben der Beiträge und
dadurch ein weiteres Ansteigen der Lohnnebenkosten kann aber angesichts
der wirtschaftlichen Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland auch keine
Lösung sein. Trotzdem muss die Unterfinanzierung von
Pflegeeinrichtungen beendet werden.
Der zweite Schwerpunkt der EKHN-Forderungen liegt auf dem Umfang von Pflegeleistungen.
Die so wichtigen persönlichen Kontakte, Zeit für Gespräche
und Zuwendung kommen heute oft zu kurz. Wichtige Vorsorge und Rehabilitationsmaßnahmen
werden aufgrund des Kostendrucks für ältere Menschen oft ersatzlos
gestrichen. Dies muss durch eine neue Politik im Pflegebereich geändert
werden. Der Pflegebereich muss wieder ein attraktiver Arbeitsmarkt
werden. Schon heute konkurrieren in Ballungsgebieten die verschiedenen
Krankenhäuser,
ambulante und stationäre Pflegedienste um die wenigen gut ausgebildeten
Pflegefachkräfte. Der Personalbedarf kann nur schwer durch ausreichend
qualifizierte Arbeitskräfte gedeckt
werden. Dies liegt vor allem an der geringen Attraktivität dieses
Berufsfelds:
Schicht- und Wochenenddienst, zu geringes Gehalt, schlechte Aufstiegschancen,
das Image als traditioneller Frauenberuf und eine schlechte gesellschaftliche
Anerkennung dieser sozialen
Tätigkeit führen zu immer weniger Auszubildenden.
Ohne Gegenmaßnahmen wird sich dieser Engpass schon in wenigen Jahren
weiter verstärken.
Eine Reform der Ausbildung und bessere Arbeitsbedingungen sind notwendig.
Der Pflegeberuf muss auch für Männer attraktiv sein, Begleitmaßnahmen
wie seelsorgerische Betreuung und
Fort- und Weiterbildung müssen wieder mehr junge Menschen anziehen.
In wenigen Wochen beginnt die neue Legislaturperiode. Die Politik der
nächsten vier
Jahre wird sich daran messen lassen müssen, ob sie die drängenden
Probleme wirklich
ernst nimmt und vor allen Dingen Lösungsmaßnahmen anstrebt.
Ohne Reformen und
Veränderungen steht unser Pflegesystem vor dem Kollaps. Ein menschenwürdiges
Leben im Alter wäre dann nicht mehr möglich. Deshalb ist es
jetzt Zeit, zu handeln.
Thilo Weber nach Material von Paul Blecher
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